Zur Geschichte über die Siedlung Waldesruh bei Berlin
Die hier beschriebene Geschichte Waldesruhs mit Ereignissen, Erlebnissen und Wahrnehmungen entstammen den Aufzeichnungen der 1906 geborenen und bereits verstorbenen Frau Minna Hierse aus der Scharnweberstraße, des in Waldesruh geborenen Herrn Lothar Weber, der ebenfalls bereits verstorbenen Frau Petra Wysocki und einigen anderen Personen, die auf Wunsch namentlich nicht genannt werden wollten, sowie der meiner Familie und meiner Person.
Gegliedert ist diese Dokumentation in folgende Abschnitte:
Verkauf
Entstehung
Krieg
Nachkieg
DDR
Verkauf Nach dem Ableben des Rittergutsbesitzers Carl Heinrich von Treskow jun. am 13. April 1928 erbte laut Erbschein vom 12. Juni 1928 dessen Ehefrau Eveline Hedwig von Treskow, geb. von Katte (1868-1951) als befreite Vorerbin sämtliche Besitzgüter des Rittergutes Dahlwitz. Der Grundbucheintrag des Besitzerwechsels erfolgte am 15. Januar 1929 am Preußischen Amtsgericht in Altlandsberg. Nicht bekannt ist, aus welchen Beweggründen Frau von Treskow einige Zeit später der hiesigen Gemeindevertretung den Vorschlag unterbreitete, einen Teilverkauf ihres Grundbesitzes im Dahlwitzer Forst zum Zweck der Errichtung einer Landhaussiedlung vorzunehmen.
Nach Abwägung aller infrage kommenden Interessen stimmten schließlich im Laufe des Jahres 1930 der Niederbarnimer Landrat Dr. Max Weiß, Major a.D. (1874-1945) gemeinsam mit der Gemeindevertretung von Dahlwitz-Hoppegarten dem Vorschlag Frau von Treskows zu, auf ihrem Grundbesitz des Gebietes Dahlwitzer Forst ein Waldstück westlich angrenzend zu Mahlsdorf, östlich zur Trainierbahn, südlich zu Köpenick und nördlich zum Heidemühler Weg von etwa 300 Morgen (zirka 75 Hektar) besagte Landhaussiedlung errichten zu lassen. Die Aufgaben der Organisation samt Verkauf oblagen der Veräußerin. Erschließungsmaßnahmen des öffentlichen Bereichs, wie Straßen- und Wegebau, Kultivierung von Freiflächen oder die Stromversorgung übernahm die Gemeinde.
Zeitnah erfolgte auch die Namensgebung für die zukünftige Siedlung. Wie es zur treffenden Bezeichnung „Waldesruh“ kam ist nicht überliefert. Auszugehen ist davon, dass es sich um einen Gemeindebeschluss vorausgegangener Vorschläge mit Mehrheitsabstimmung handelte.
Dank des von Treskow’schen Bekanntheitsgrades und der außerordentlichen Geschäftstüchtigkeit der Frau von Treskow gelang es ihr, gemeinsam mit der Gutsverwaltung binnen kürzester Zeit geeignete Firmen zu rekrutieren, mit deren Hilfe eine erfolgreiche Siedlungsgründung umgesetzt werden konnte. Den Auftrag für die Aufteilung des Waldgebietes in einzelne Parzellen erhielt die in Tempelhof ansässige „Cöpenicker Bau- und Boden“ GmbH, die mit den aufwendigen Vermessungsarbeiten und der Parzellierung abschnittsweise begann. Zuerst erfolgte die Parzellierung im nördlichen Teil, dann im südlichen und schließlich im Mittelteil. Erst im Jahr 1933 fanden diese Arbeiten ihren endgültigen Abschluss.
Der erstellte Siedlungsplan wies etwa 800 durchnummerierte Parzellen, Straßen und Wege, begrünte Freiflächen und nicht zu bebauende Waldstücke aus. Vier Parzellen wurden vertragsgemäß für die Gemeinde zurückgehalten. Alle anderen waren für private Interessenten vorgesehen. Eigentümerin jeder Parzelle war grundsätzlich bis zum Verkauf Frau von Treskow. Zu den nicht zu bebauenden Waldstücken gehörte die Waldpromenade, die Waldesruh praktisch mittig teilte und die sich als breiter, naturbelassener Streifen von der Trainierbahn bis westlich zur Stadtgrenze Groß-Berlins zog. Ein weiterer Waldstreifen trennte die Scharnweberstraße von der Bredowstraße. An der nördlichen Siedlungsgrenze rechtsseitig der Köpenicker Allee, am Heidemühler Weg, beließ man ebenfalls ein Waldstück im Ursprung.
Die Köpenicker Allee als zentraler Verkehrsweg, welcher bereits um das Mittelalter herum Köpenick mit Dahlwitz verband wurde mittig der Siedlung eingebunden und für einen Erweiterungsausbau bestimmt. Bereits vorhandene Waldwege des Forstes flossen teils in die Wegeplanung mit ein.
Entstehung Die Berliner Firma „Scholle und Heim“ GmbH übernahm als Generalbevollmächtigte die Besiedlungsorganisation nebst Verkauf. Das Unternehmen gab bereits 1931 in einer Auflage, Anfangs zu 10.000, später zu 50.000 Exemplaren monatlich das kostenlose Werbeblatt „Waldesruher Nachrichten – Blätter für Siedeln und Bauen“ heraus und rührte auch sonst kräftig die Werbetrommel. In dieser Zeitung fanden sich über das als Mustersiedlung bezeichnete Waldesruh Reklamen, Informationen aller Art, Leserzuschriften oder redaktionelle Berichte über die Siedlung. So waren die Voraussetzungen geschaffen für den Erstellungsbau der Eveline von Treskow’schen Eigenheimkolonie im Landkreis Niederbarnim.
Die „Scholle und Heim“ GmbH wie auch die „Cöpenicker Bau- und Boden“ GmbH, in der Folgezeit zuständig für Bauberatung und Finanzierung, arbeiteten eng zusammen, um eine möglichst rasche Besiedlung des neu geschaffenen Ortes zu erreichen. An bestimmten Sonntagen wurden kostenlose Omnibusfahrten für Interessenten nach Waldesruh angeboten. Eigens für den werbewirksamen Verkauf errichtete man zentral gelegen an der Waldpromenade neben der Köpenicker Allee eine Holzhütte, um die Besucher mit hilfreichen Informationen über die werdende Kolonie und die Möglichkeiten des Erwerbs einer Parzelle zu unterrichten. Die Angebote wurden rege angenommen.
Bereits am Dienstag, den 3. Mai 1931 erfolgte die Verkaufseröffnung für die ersten abgesteckten Parzellen nach freier Auswahl. Unabhängig von der örtlichen Lage, zu einem für damalige Verhältnisse außerordentlich günstigen Einheitspreis von 1,95 bis 2,95 RM (Reichsmark) je Quadratmeter und Grundstücken mit einer Größe von rund 800 bis 1.000 Quadratmeter fanden sich zahlreiche Käufer, die selbst- oder fremdfinanziert sich den Traum vom eigenen Stück Land erfüllten. Zumeist handelte es sich um Berliner vom Stand eines Beamten, leitende Angestellte, Geschäftsinhaber oder Handwerker, die über die Möglichkeit verfügten den monatlichen Abtrag zu leisten oder derart zahlungskräftig waren, das erworbene Grundstück sofort aus eigener Tasche zu bezahlen. Immerhin kamen zum Parzellenerwerb die Erschließungskosten wie Stromanschluss, Umfriedung, Brunnenbohrung für die Wasserversorgung und Klärgrubenbau hinzu, abgesehen von weiteren Kosten für einen eventuellen Hausbau.
Schon frühzeitig, nämlich am Freitag, den 1. Juli 1932 gründete sich der „Siedlerverein-Waldesruh“ e.V., der stimm- und mitspracheberechtigt zu vielen Belangen der Kolonie betreffend war. Seine Geschäftsstelle befand sich in der Kantstraße Nr. 45. Ein Kurt Lehmann war zu dieser Zeit Gemeindeschulze (Bürgermeister) in Dahlwitz und damit auch Amtsvorsteher für Waldesruh.
Rasch entstanden in Waldesruh erste Geschäfte. Ein Lebensmittelgeschäft, ein Milchladen mit Verkauf von Molkereiprodukten im heute noch vorhandenen Flachbau in der Einsteinstraße Nr. 24 (ab 1934 Hindenburgstraße und heute Karl-Marx-Straße) Ecke Treskow-Promenade (heute Heinrich-Heine-Promenade), eine Drogerie in der Schopenhauer Straße, eine Bäckerei auf der Köpenicker Allee, ein Obst- und Gemüsehandel, eine Fleischerei, ein Kolonialwarengeschäft in der Hegelstraße Nr. 19. Auch Handwerksbetriebe wie Malergeschäft, Schlosserei, Bauunternehmen oder Dachdeckerbetrieb ließen sich nieder. Dienstleister wie Friseur, Versicherungsvertreter, Bauberater oder Fuhrgeschäft fanden ihr Auskommen. Des Weiteren einige fliegende Händler aus der Umgebung, die sich ein gutes Geschäft in der Kolonie erhofften. So ein Hausierer mit Bauchladen für Tabakwaren oder ein Milchbauer aus Münchehofe, der vom Pferdewagen herunter in die von seinen Abnehmern mitgebrachten Kannen seine Frischmilch abfüllte und verkaufte. Da war auch der "Jesus", den man wegen seiner langen Haare und eigentümlichen Kleidung so genannt hatte. Er zog mit seinem Handwagen durch die Siedlung, um Obst, Gemüse und Kräuter feilzubieten. Als erste Gastwirtschaft eröffnete um 1933 die „Waldschänke“ an der Köpenicker Alle gleich neben der Treskow-Promenade ihre Pforten. Für Ausflügler aus Nah und Fern blieb die Einkehr mit ihrem zahlreich bestuhlten Biergarten ein Sommerausflugslokal. Der Inhaber war, wie „Jesus“ auch, ein skurriler Zeitgenosse. Er wurde „Paddenbudiker“ von den Einheimischen genannt. In die Schlagzeilen über Waldesruh hinaus geriet er, als man ihn seinerzeit leblos im nur 30 cm tiefen Ravensteiner Mühlteich fand. Erst viel später, an der Buswendeschleife, dem nördlichen Ende Waldesruhs, errichtete man ein Gebäude welches viele Jahrzehnte eine Gaststätte beherbergte, die „Lindenschänke“. Wahrzeichen des Lokals waren die beiden in Beton gegossenen Bären mit Schild, welche die Stufen zum Eingang des Gasthauses zierten.
Im Jahr 1934 zählte Waldesruh mittlerweile 419 polizeilich gemeldete Einwohner. Das später zu Waldesruh eingegliederte Heidemühle im selben Jahr immerhin 42 Bewohner. Bereits im Jahr 1935 ist für über 600 Familien Waldesruh zur neuen Heimat geworden, wie die damaligen Zeitungen berichteten.
Schon vor der Siedlungsgründung war das spätere Waldesruh angeschlossen an das öffentliche Berliner Verkehrsnetz durch die Omnibuslinie D der Berliner Verkehrs-Aktien-Gesellschaft (BVG). Die Linie wurde bereits in den 1920er Jahren für das Erreichen des Naherholungsgebietes am östlichen Stadtrand Berlins eingerichtet. Sie führte vom U-Bahnhof Friedrichsfelde über Karlshorst, Lichtenberg, Kaulsdorf, Mahlsdorf und schließlich zur Fichtestraße als Endstelle, unmittelbar hinter der Stadtgrenze Groß-Berlins.
Eine Vielzahl Unternehmen aus Berlin und der näheren Umgebung wurden mit den Erschließungsarbeiten beauftragt. Von A wie Architekt bis Z wie Zaunbauer. Alle notwendigen Gewerke und Dienstleister hatten durch die Neusiedler Waldesruhs ihr Auskommen. Bäume und Niederwuchs mussten für den Straßenbau gerodet, das Gelände planiert werden. Einmessungen waren notwendig, Straßen und Gehwege hat man geschaffen, Strom- und Telegrafenmaste gestellt. Öffentliche Flächen, wie die Treskow-Promenade (heute Heinrich-Heine-Promenade), machte man als großräumige Erholungsfläche nutzbar, indem man Rasen ansäte, Büsche und Laubbäume pflanzte sowie Sitzgelegenheiten zum Verweilen aufstellte. Waldesruh befindet sich im Urstromtal und steht vollends auf feinem, weißgelben Quarzsand. Das vereinfachte das Bauen, den Anbau von Kulturpflanzen indes machte es schwieriger.
Zwischenzeitlich erhielten weitere Straßen ihren Namen, deren Benennung in der Siedlung 1936 vollends abgeschlossen war. Anfang 1938 begann der Erweiterungsausbau der Köpenicker Allee. Beidseitig vor den angrenzenden Anwesen wurde ein breit angelegter Fußweg geschaffen, der eingefasst war mit gelben Klinkern. Die Fußwegbefestigung erfolgte mit verdichteter Feinschlacke. Daran angrenzend bis zum Bordstein der Kraftfahrstraße hin fügte man, ebenfalls beidseitig, eine mehrere Meter breite Rasenfläche ein. Nach Verbreiterung der mit Kopfsteinpflaster bedeckten Fahrbahn asphaltierte man die Köpenicker Allee als einzige Straße über die gesamte Siedlungsdurchfahrt hinweg. Sie erhielt eine Kanalisation für Regenwasser und zunächst, ebenfalls als einzige Straße, durchweg eine an Holzmasten installierte elektrische Ausleuchtung. Nach Fertigstellung der Straßenbauarbeiten um 1940 herum wurden von der südlichen Siedlungsgrenze bis etwa auf Höhe Kleiststraße beidseitig Pyramidenpappeln gepflanzt. Von der Kleiststraße aus bis nach Dahlwitz flankierten die alten Linden und Robinien als Alleebäume die Fahrbahn. Damit kam die Köpenicker Allee einer Prachtstraße gleich, denn noch lange nicht waren in und um Berlin die Straßen mit Asphalt belegt oder derart großzügig angelegt.
Einige Straßen, wie beispielsweise die Schopenhauer Straße, die Kantstraße, die Buswendeschleife, die Fichtestraße oder die Hindenburgstraße (heute Karl-Marx-Straße) wurden damals mit Granitpflaster befestigt. Gepflastert aus früherer Zeit war auch ab der nördlichen Siedlungsgrenze die Köpenicker Allee bis hinaus nach Dahlwitz. Viele weitere Straßen blieben über lange Jahrzehnte hinweg schlichtweg Sandbahnen. So zum Beispiel die Scharnweberstraße, die Bredowstraße, die Kleiststraße oder die Körnerstraße. An trockenen Tagen zogen Fahrzeuge mächtige Staubwolken hinter sich her und an Regentagen entstanden teils riesige Pfützen. Auch am öffentlichen Wassernetz war Waldesruh nicht angeschlossen, wie auch nicht an einer Abwasserableitung, denn eine Kanalisation hierfür war nicht vorgesehen. Jauchegruben waren damals außerhalb größerer Städte gebräuchlich. Deshalb wurden die Hauswasserversorgungen auf den Parzellen über eigene Brunnen hergestellt und die Abwässer über gleichfalls eigene Klärgruben, die regelmäßig entleert werden mussten.
Im Jahr 1939 konnten die Waldesruher zusätzlich in einer hergerichteten Hilfsstelle der Deutschen Reichspost ihre postalischen Geschäfte abwickeln. Waldesruh war damit eine moderne, fortschrittliche und allumfassend für jegliche Interessenten ausgerichtete Wohnsiedlung östlich Groß-Berlins.
Krieg Zu Kriegsbeginn im September 1939 kam auch in Waldesruh der Fortschritt zum Erliegen. Die Kriegswirtschaft hatte Vorrang gegenüber privaten Notwendigkeiten. So wurden Baumaterialien rationiert, bis sie gar nicht mehr erhältlich waren. Die ersten wehrfähigen Männer erhielten ihren Gestellungsbefehl und wurden zum verpflichtenden Kriegsdienst einberufen. Für die Zurückgebliebenen, meist alte Menschen, Frauen und Kinder, wurde die Organisation des Alltags deutlich beschwerlicher.
Wie überall im Reich ging die Not auch an den Waldesruhern nicht vorbei. Immer größere Entbehrungen waren an der Tagesordnung. Für Lebensmittel wurde die Zwangsrationierung eingeführt. Schon ab dem 1. September 1939, dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen, waren Grundnahrungsmittel wie Zucker, Milch, Butter, Fleisch, Fett, Käse, Brot oder Eier nur noch gegen Bezugsscheine erhältlich. Mitte Oktober desselben Jahres wurde die „Reichskleiderkarte“ eingeführt. Der Kauf von Textilien wurde nach Punkten berechnet, wobei ein Pullover 25 Punkte oder ein Paar Strümpfe mit 4 Punkten der Karte abgezogen wurden. In den Kriegsjahren war das Leben landesweit, so auch in Waldesruh auf Sparflamme ausgelegt.
Noch Ende 1939 beschlagnahmte man nach dem „Reichsleistungsgesetz“, das die Einziehung von Sachleistungen für Kriegszwecke regelte, erste private Fahrzeuge. Treibstoff war ohnehin schon nur noch auf Zuteilung erhältlich. Später dann für Privatnutzer gar nicht mehr. Stromausfälle häuften sich, Heizmaterial wurde knapp und immer wieder traf für manche Angehörige die schreckliche Nachricht „Gefallen für Führer, Volk und Vaterland…“ ein.
Ständige Spendenaufrufe über das Kriegswinterhilfswerk begleiteten den täglichen Kampf gegen das Unvermeidbare. So sollte die Zivilbevölkerung mit Metallspenden, Spinnstoffen, Altpapiersammlungen oder das Spenden von Decken und Winterbekleidung für die Soldaten an der Ostfront ihren Beitrag für das Großdeutsche Reich, gegen Bolschewismus und Judentum, leisten.
Im August 1941 fielen die ersten Bomben sowjetischer Fliegerverbände aus Richtung Osten kommend auf Berlin. Zwar unter hohen Verlusten an Besatzungen und Maschinen, aber immerhin so erfolgreich, dass Menschen zu Schaden kamen, Schäden an Gebäuden und der Infrastruktur entstanden. Nun wirkte sich nachteilig aus, dass Waldesruh direkt an der Stadtgrenze zu Berlin lag und damit bewusst oder unbeabsichtigt Bombentreffer erhielt. In diesem zweiten Kriegsjahr häuften sich die Luftalarme wegen feindlicher Bomberverbände die gegen die Reichshauptstadt anflogen. Anfangs nur nachts, später auch am Tag heulte die Sirene für die Waldesruher zur Warnung Schutz zu suchen. Zuerst gab es einen Treffer durch abgeworfene Stabbrandbomben (Magnesium-Aluminium-Legierung, unlöschbar) in der Hindenburgstraße (heutige Karl-Marx-Straße) mit erheblichen Gebäudeschäden. Ohne Schaden zu verursachen fiel nach einem folgenden Abwurf die nächste Bombe neben dem Heidemühler Weg Ecke Köpenicker Allee. Zwar befand sich linksseits der Straße nach Dahlwitz eine Flak-Stellung der Wehrmacht zum Schutz der Ostflanke Berlins und als Zielerfassungshilfe in Ravenstein eine Flakscheinwerfer-Abteilung. Beides aber bot keinen umfassenden Schutz vor feindlichen Bomberverbänden mit ihrer tödlichen Last, wie sich im Verlauf des Krieges herausstellen sollte.
Neben zahlreichen Verwüstungen durch Sprengbomben und Luftminen in Waldesruh wurden auch massiv erste Häuser zerstört. So im März 1943 in der Bredow- und Scharnweberstraße, in der Schopenhauer Straße sogar Heiligabend. Dort verloren gleich vier Geschäftsinhaber ihr Ladengeschäft. Strommasten zerbarsten durch die Druckwellen explodierender Bomben, Straßen, Wege und Grundstücke wurden regelrecht umgepflügt. Das Stromnetz war zusammengebrochen. Diesem Bombenterror, wie man ihn nannte, waren die meisten Waldesruher schutzlos ausgeliefert. Es gab keinen Luftschutzbunker im Ort. Zwar befanden sich zwei dieser Schutzräume in Mahlsdorf-Süd. Allerdings waren sie für die Waldesruher kaum schnell zu erreichen. Auch im Wald an der Ravensteiner Promenade errichtete man 1943/44 einen "Mutter-Kind Luftschutz-Flachbunker" vom Typ 4 E. Nur war der, wie die Mahlsdorfer auch, bei Bombenalarm von den Waldesruhern kaum schnell zu erreichen. Angeordnet wurde die Verdunklung der Fenster. Selbst Kraftfahrzeuge mussten bei Dunkelheit ihre Scheinwerfer bis auf einen winzigen Schlitz abdecken, sodass der Fahrzeugführer gerade noch erkennen konnte, wohin er steuerte. Diese und andere Erlasse wurden strengstens kontrolliert. Der in der Kleiststraße wohnende Herr Appel als Ordnungspolizist, mit dem Dienstgrad Wachtmeister und einige seiner willfährigen Gehilfen kontrollierten die Einhaltung der Erlasse aufs Strengste. Für manch einen war Denunziation opportun geworden, um dem herrschenden System und seiner Verfechter zu gefallen.
Ende Januar, Anfang Februar 1945 schaffte es die 1. Weißrussische Front mit ihren 11 Armeen westlich von Küstrin bei den Seelower Höhen über die Oder zu gelangen. Nach heftigen Kämpfen dort, bis kurz vor Berlin, begannen die Russen Mitte April mit der Zangenoffensive auf die Reichshauptstadt. Ältere Männer und Jugendliche in Waldesruh wurden zum „Volkssturm“ befohlen. Sie begannen mit Verteidigungsmaßnahmen gegen die heranrückende Rote Armee oder wurden im Schnelldurchlauf an Karabinern, Panzerfäusten und Handgranaten ausgebildet. Rings um Waldesruh und in Waldesruh selbst mussten Schützengräben und Unterstände ausgehoben werden. Zwei Panzersperren errichtete man. Eine dieser Sperren etwa mittig der Köpenicker Allee, die zweite auf der Friedrichshagener Chaussee. Des Weiteren hat man einmal in Heidemühle und ein zweites Mal an der Ravensteiner Mühle die Erpe angestaut, um das Erpetal unter Wasser zu setzen. Die Flutung sollte eine natürliche Barriere zum Schutz der Ostflanke Waldesruhs bilden, um im weiteren Verlauf den Vormarsch des Feindes in Richtung Reichshauptstadt zu erschweren.
Waldesruh, unweit der Reichsstraße 1 und territorial östlich Berlin vorgelagert, war folgenschwer von den Kämpfen um Berlin betroffen. In den Wäldern nördlich Waldesruhs befand sich noch eine Nachrichtentruppe des Heeres mit einer Wehrmacht-Funkstelle, die schnell aufgegeben werden musste. Einige Waldesruher flohen zum Schutz ihres Lebens in die Wälder der Umgebung. In den letzten Apriltagen 1945 wurde Waldesruh nach zweitägiger Auseinandersetzung zwischen einer versprengten Wehrmacht-Kampfgruppe und Einheiten der Roten Armee überrannt. Die Vorhut sowjetischer Panzer des Typs T-34 ratterten mit ihren Ketten von Dahlwitz kommend über die Köpenicker Alle in Richtung Köpenick. Gefolgt von typisch russischen Panjewagen, Protzen mit angespannten Kamelen und allerlei Fahrzeugen, Raketenwerfern, Haubitzen und was für den Großangriff auf die Reichshauptstatt notwendig war.
Wie vielerorts kam es auch in Waldesruh durch Rotarmisten zu unbeschreiblichen Übergriffen an Bewohnern, wie es seit dem Überschreiten der Roten Armee über die Reichsgrenze nach Ostpreußen hinein mannigfaltig bekannt war. Ganz besonders waren Frauen von diesem grauenhaften Schicksal betroffen. Vergewaltigungen, nicht zu beschreibende Misshandlungen, willkürliche Tötungen und Plünderungen mussten auch die Waldesruher über sich ergehen lassen.
Nachkrieg Als im Mai 1945 die Kapitulation Deutschlands den Krieg beendete war die Not beileibe noch lange nicht vorbei. In Heidemühle und an der Trainierbahn errichtete die Rote Armee ihre Feldlager, was leider oft genug zu unvermeidlichen Vorkommnissen, wie Diebstähle oder Mitnahme von Gegenständen nach Androhung von Gewalt, in der Siedlung führte. Säuberungsaktionen fanden statt. Ehemalige Angehörige der NSDAP oder der SS wurden verhaftet und auf Nimmerwiedersehen abtransportiert. Manch einer dieser Zeitgenossen hat Haus und Hof schon vorher Hals über Kopf verlassen, um den Russen nicht in die Hände zu fallen. Auch sonst zeigte sich die Nachkriegszeit nicht weniger entbehrungsreich für die Waldesruher. Dies betraf vor allen Dingen die Knappheit an Lebensmitteln und Brennstoff. Unerträglicher Hunger ließ so manchen an Entkräftung sterben. Hinzu kam für viele Angehörige die quälende Ungewissheit, den Sohn, Ehemann, Vater oder Bruder nie wieder in die Arme schließen zu können. Dies geschah leider allzu oft. Sie waren gefallen, galten als vermisst oder befanden sich in den Kriegsgefangenenlagern, aus denen es zum allergrößten Teil, besonders aus den Lagern der Sowjets, keine Rückkehr gab.
Brennstoffe wie Holz und Kohlen waren selten zu erhalten und wenn, dann streng rationiert. Der Kohlehandel der Firma Leisten in Waldesruh war zuständig für die Verteilung von Brennmaterial. Als Ersatz musste so manch eine Waldkiefer in dieser Zeit zum Kochen und Heizen herhalten.
Die meisten Häuser in Waldesruh waren beschädigt, viele gar völlig zerstört. Allein auf der Köpenicker Alle standen mehrere abgeschossene russische Panzer. Straßen und Wege waren teils unpassierbar mit Bombenkratern übersät. Sogar ein mächtiger deutscher Sturmpanzer IV stand an der Treskow-Promenade (heute Heinrich-Heine-Promenade). Allerorts fanden sich Panzerfäuste, Handgranaten, Handfeuerwaffen, Gewehre, Maschinenpistolen, Munition und abgeschossene Fahrzeuge sowjetischer wie auch deutscher Herkunft. Die örtliche, sowjetische Militäradministration (SMAD) befahl noch im Sommer 1945 das Verbringen von Waffen und Munition an eigens dafür eingerichtete Sammelstellen. Immer wieder mal waren Opfer zu beklagen, weil eine unsachgemäße Handhabung von Granaten oder anderer Munition vorausging. Ein weiterer Befehl lautete, sämtliche Radioapparate abzuliefern, wie auch nazistische Literatur und Druckschriften. Die meisten Waldesruher sind aus Angst vor Repressalien, einer Verhaftung oder einer möglichen Verschleppung diesen Befehlen gefolgt. Immer wieder kam es zu meist nächtlichen Beutezügen von Sowjetsoldaten, die mit vorgehaltener Waffe auf der Jagd nach Frauen, Uhren, Schmuck und anderen für sie verwertbaren Sachen waren. Sogar Fahrräder wurden beschlagnahmt, auf denen sie erst Radfahren lernen mussten. Witzig sah es aus, wenn diese erwachsenen Kerle immer wieder dabei hinfielen. Aber auch von Deutschen wurde durch die immerwährende Not gestohlen. Einige Waldesruher nahmen des nachts ihre Hühner und Kaninchen mit ins Haus, um sie am Morgen wieder vollzählig freizulassen.
Am 18. Dezember 1945 erließ die Sowjetische Militäradministration den Befehl für die Wiederherstellung der Konsumgenossenschaften. Für Waldesruh hatte das noch keinen Einfluss, denn ein Konsumgeschäft sollte erst viel später eingerichtet werden.
Ebenfalls vor Jahresende 1945 wurden durch die angeordnete Bodenreform zahlreiche Enteignungen in der gesamten sowjetischen Besatzungszone durchgeführt. Von Treskows beispielsweise verloren bereits im Dezember 1945 per Verordnung ersatzlos ihren Familienbesitz samt fester und beweglicher Güter. In dieser Zeit war Ortspolizist Herr Leisten verantwortlich für Ordnung und Sicherheit in Waldesruh. Trotz seiner Präsenz ereignete sich zu Beginn des Jahres 1946 im Haus der Kantstraße Nr.13 ein nie aufgeklärter grauenhafter Doppelmord, der zu allerhand Spekulationen in der Siedlung führte. Sicher allerdings war, dass die Besatzer darin verwickelt sein mussten.
Trotz der Freude, den Krieg überstanden zu haben, blieb für die Waldesruher kaum Zeit durchzuatmen. Schleunigst musste mit der Instandsetzung zerstörter Straßen und der Elektrifizierung begonnen werden. Nach Baumfällungen, deren Schälung und Teerung wurden aus diesen zerstörte Strommasten ersetzt. Stromleitungen hat man zusammengeflickt, sodass ab Mai 1946 die Waldesruher wieder Strom besaßen. Dies jedoch täglich nur stundenweise. Mit regelmäßigen Stromsperren musste bis etwa 1956 gelebt werden. Mit zeitweisen sogar bis in die 1970er Jahre hinein. Unterstände, Stellungsgräben und Schützenlöcher wurden so weit wie möglich zugeschaufelt. Vereinzelt sind noch heute in den Waldgebieten um Waldesruh nicht natürliche Senkungen als Ursprung dieser Kriegshinterlassenschaften zu erkennen. Hausbesitzer reparierten notdürftig ihre beschädigten Häuser. Die Toten wurden eingesammelt, um sie schnellstmöglich zu begraben. Viele männliche Waldesruher kehrten aus dem Krieg nicht wieder heim oder sind für lange Jahre in Kriegsgefangenschaft geblieben. So oblagen diese Arbeiten meist den Frauen, Halbwüchsigen und alten Männern. Ordnung und Sicherheit oder die stabile Versorgung der Bewohner musste schnellstmöglich organisiert werden.
Mit der Zeit ließen immer wieder Waldesruher Haus und Hof hinter sich, um in den Westen Deutschlands zu gehen. Meist handelte es sich um Geschäftsinhaber, Selbständige, leitende Angestellte oder die, die dem kommunistischen System unter sowjetischer Führung abgeschworen hatten. Deren Grundstücke und Wohnhäuser wurden später durch staatliche Zuteilung kostenpflichtig verpachtet, beziehungsweise vermietet und treuhänderisch durch die zuständige Kommunale Wohnungsverwaltung (KWV) verwaltet. Die Verwaltung beinhaltete so gut wie keine Instandsetzungen der Objekte. Diese oblag den Pächtern und Mietern.
Durch die verkehrstechnische Abgeschiedenheit Waldesruhs gestaltete sich die Versorgung mit Nahrungsmitteln im Ort problematisch. Ja fast schien es manchmal, als hätte man die Siedlung vergessen. Zuerst unbestimmt, dann wöchentlich brachte ein Lastkraftwagen aus dem Köpenicker Lebensmittelzentrallager Mehl, Zucker, Butter, Brot, Fleisch und andere Nahrungsmittel, die an Ort und Stelle verkauft wurden. Hin und wieder mussten auch Lebensmittel des Lagers aus Lichtenberg herangefahren werden.
Im Haus der Kantstraße Nr. 64 wurde einer vernünftigen Versorgungsorganisation wegen bald darauf eine Lebensmittelverkaufsstelle eingerichtet, in der man mit zugeteilten Lebensmittelkarten Produkte erwerben konnte. Oft bildeten sich riesige Warteschlangen, wenn eine neue Lieferung bevorstand. In den Räumlichkeiten des Stockwerks darüber richtete man eine Bibliothek mit Bücherverleih zensierter Literatur ein.
Der Waldesruher Sportplatz am südlichen Ende war durch die Kampfhandlungen um Berlin nicht mehr nutzbar. Krater an Krater reihten sich über das gesamte Gelände. Der Roten Armee diente das Gelände kurzerhand als Schießplatz für ihre Schießübungen. Hierzu wurde das Areal umgebaut und mit einem Dreiseitenschutzwall versehen. Einer dieser Wälle ist heute noch sichtbar. Erst Jahre später, nach Errichtung eines weitaus größeren Schießplatzes etwas abseits von nahen Behausungen, zwischen Waldesruh und Hoppegarten, der Köpenicker Allee und der Friedrichshagener Chaussee, überließ man um 1952 den heimischen Sportfreunden wieder ihren ehemaligen Sportplatz, der dann in Eigeninitiative wieder hergerichtet werden musste.
Als erster Ortsälteste in dieser Zeit tat sich der 1909 in Berlin geborene Gustav Ruppel, der am 15. August 1945 hierfür seine Ernennungsurkunde erhielt und bereits 1934 eine Parzelle in der Arndtstraße Nr. 12 erwarb, hervor. Er war durch und durch Kommunist. Der Überlieferung nach sollen ihm einige, für die Waldesruher wichtige Umsetzungen zu verdanken sein. Gleichfalls wurden ihm aber auch Korruption und Bereicherung nachgesagt.
Mit den ersten Kriegsheimkehrern, oft versehrte, kranke, ausgemergelte Gestalten, trafen in Waldesruh immer mehr Flüchtlinge aus Ostdeutschland ein, die ihre Heimat verloren und nicht gerade willkommen waren bei den Waldesruhern. Sie wurden bis zur Überbelegung mit Bad-, Küchen- und Toilettenbenutzung den Eigenheimbesitzern für lange Zeit zugeteilt. So hausten diese Menschen in Kellern, Verschlägen, Dachböden und nur selten in einem regulären Zimmer der Hausbesitzer. Einige dieser Flüchtlinge wurden sesshaft und fanden so über die Jahre als ehemalige Schlesier oder Ostpreußen eine neue Heimat in Waldesruh. Es waren allesamt arbeitsame, fleißige Menschen. Die allermeisten von ihnen verstanden etwas von Ackerbau, Viehzucht und Selbstversorgung, was wiederum von den Waldesruhern wohlwollend angenommen wurde.
DDR Mit der Gründung der Deutsche Demokratische Republik (DDR) am 7. Oktober 1949 gab es natürlich auch für die Waldesruher zahlreiche veränderte Bedingungen in allen Lebensbereichen. Ein einheitliches Schulsystem wurde eingeführt. Normen und Standards wurden vereinheitlicht. Preise wurden staatlich festgelegt und ebenfalls vereinheitlicht und vieles andere mehr. Zahlungsmittel war in dieser Zeit die Deutsche Mark (Mark der Deutschen Notenbank, kurz MDN). Nach wie vor wurden sogenannte Verstaatlichungen vorgenommen, also praktisch Enteignungen von Betrieben beispielsweise. Sie wurden zu „Volkseigentum“ erklärt.
Am Ortseingang Waldesruhs aus Richtung Dahlwitz kommend, am späteren Sektorenkontrollpunkt leicht rückwärtig im Gelände gelegen, wurde nach dem Krieg großangelegt der Abbau von Sand für die Verwendung der Betonherstellung zum Wiederaufbau Berlins betrieben. Nach Beendigung der Sandgewinnung nutzte man die riesige Grube viele Jahre lang als Müllhalde, in der es oft tagelang schwelte und qualmte. Seit Mitte der 1980er Jahre befindet sich auf der verfüllten Müllkute eine Laubenkolonie. Die offizielle Alternative zur Müllentsorgung bot sich dann auf dem ehemaligen LPG Gelände in Heidemühle.
Im letzten Wohnhaus, am nördlichen Ende der Scharnweberstraße wurde 1950 eine Schule eingerichtet, in der Schüler von der ersten bis zur vierten Klasse auf zwei Räume verteilt unterrichtet wurden. Alle anderen mussten nach Dahlwitz in die Schule. Nur vier Jahre später, nämlich 1954 wurde die Schule, die als Notlösung für die Waldesruher Schüler gedacht war, wieder aufgelöst. Alle Waldesruher Schulpflichtigen besuchten ab da die Schule am Erich-Baron-Weg in Mahlsdorf-Süd.
In der Kantstraße Nr. 53, dem Haus mit der heute noch vorhandenen breiten Portaltreppe, brachte man anfangs die kleinsten Waldesruher unter. Es war der erste Kindergarten in der Siedlung. Erst einige Jahre später fand man für die Kinder eine passendere Möglichkeit des Verbleibs. Nämlich im Haus der Scharnweberstraße Nr. 73. Hauseigentümer war ein Herr Max Rosinski, dem beide Grundstücke rechts und links daneben, also die Nr. 71 und 75 ebenfalls gehörten. Der Überlieferung nach war Herr Rosinski sehr ruhebedürftig und sicher froh, keiner unmittelbaren Nachbarschaft. ausgesetzt zu sein. Vermutlich wegen der Unterbelegung seines großen Hauses, verbunden mit der großen Wohnungsnot seit Kriegsende hat man im Jahr 1953 eine junge Familie für einige Zeit im Erdgeschoss seines Hauses zwangseinquartiert. Es wurde in diesem Jahr das Geburtshaus eines Waldesruhers, der an den hier bereitgestellten Informationen beteiligt war. Später sprach sich in Waldesruh herum, dass Herr Rosinski in den Westen gegangen ist. War ausschlaggebend für diesen Schritt alles hinter sich zu lassen diese Zwangseinquartierung, die Angst vor einer drohenden Enteignung, Angst vor Willkür der staatlichen Organe, politischer Verfolgung oder prinzipielle Perspektivlosigkeit, um in der Sowjetzone leben zu können? Man weiß es nicht. Vorab überlies Herr Rosinski seine drei Grundstücke nebst Wohnhaus der Gemeinde. Die Überlassung war daran gebunden, die Nutzung ausschließlich sozialen Zwecken zuzuführen. So geschah es. Das weitläufige Areal für die kleinsten Waldesruher reichte bis zur Trainierbahn und bot nun genügend Platz zum Spielen, Schaukeln, Wippen oder Buddeln im Sandkasten. Auch war man am Hinterausgang des Objektes schnell über der damals durchweg grasbedeckten Trainierbahn mit den Kindern zum Spaziergang in den umliegenden Wäldern und dem Erpetal unterwegs.
Im treuhändisch vermieteten Wohnhaus an eine vierköpfige Familie links neben dem Kindergarten, der Hausnummer 77, praktizierte bis Ende der 1960er Jahre hinein in einem Zimmer des unteren Stockwerks eine Mütterberatung. Allwöchentlich wurden hier Untersuchungen Neugeborener durchgeführt mit Beratung und Hilfestellung zu Fragen von Schwangerschaft, Gesundheit, Hygiene oder familiären Problemen.
1952 teilte man nach Auflösung der Länder die DDR in 14 Verwaltungsbezirke auf. Waldesruh war zwar schon vorher ein Ortsteil der Gemeinde Dahlwitz-Hoppegarten, von da an aber Teil des Kreises Strausberg und der Kreis Strausberg schließlich dem Bezirk Frankfurt/Oder zugeordnet. Postalisch und telegraphisch blieb Waldesruh Berlin angegliedert.
Um 1952 herum zählte Waldesruh an Firmen und Geschäften eine Drogerie, zwei Bäckereien, eine Brennstoffhandlung, drei Fuhrunternehmen, zwei Gaststätten, eine Kurzwarenhandlung, ein Farbengeschäft, einen Fleischerladen, eine Schneiderwerkstätte, eine Schlosserei, ein Malerbetrieb, eine Dachdeckerfirma, ein Gartenbaubetrieb, einen Futtermittelhandel, eine Pumpenwerkstatt, einen Brunnenbauer, ein Konsum Lebensmittelgeschäft, eine Zweigstelle der Deutschen Post und verschiedene andere. All diese Firmen und Geschäfte boten Waldesruhern kurze Wege für Erledigungen und darüber hinaus Arbeit. Viele allerdings gingen ihrem Broterwerb in Berlin nach, weil hier wegen umfangreicheren Beschäftigungsmöglichkeiten auch ein paar Mark mehr zu verdienen waren. Der Weg war eben weiter.
Im Juli 1952 beschloss man auf der 2. Parteikonferenz der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) die schrittweise Kollektivierung der Landwirtschaft entsprechend sowjetischem Vorbild. Dies geschah zunächst freiwillig, später zwangsweise. Private Produktionsmittel, Vieh und Ackerland wurden in die genossenschaftlichen Produktionsbetriebe namens LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) überführt. Um 1960 galt dieser Vorgang republikweit als abgeschlossen.
Was Waldesruh und Dahlwitz-Hoppegarten betraf, so kam der Vorsitz samt Verwaltung aller Umlandgüter von Landwirtschaft und Viehzucht im Gebäudekomplex der alten Branntwein-Brennerei in Hoppegarten unweit der Alten Berliner Straße, der früheren Reichsstraße 1 (R 1), zu DDR-Zeiten die Fernverkehrsstraße 1 (F 1) in der Rudolf-Breitscheid-Straße Nr. 48 unter. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand sich auf einem Teilstück des ehemaligen Gutes der Familie von Treskow die Schlosserei und Landmaschineninstandsetzung des Genossenschaftsbetriebes. Die LPG vom TYP III betrieb den Hauptzweig ihrer Viehzucht mit Schaf-, Schweine-, Hühner- und Rinderställen samt Melkanlagen großangelegt in Heidemühle. Ungünstige Windverhältnisse verdarben den Waldesruhern so manchmal die Freude am charakteristischen Waldduft. Allerdings bot die LPG Dahlwitz-Hoppegarten vielen Heidemühlern wie auch Waldesruhern zuverlässig Beschäftigung. Anfang der 1970er Jahre brannte in Heidemühle, verursacht durch Brandstiftung, einer der großen Kuhställe ab. Alle Tiere starben bei diesem Großbrand. Der Täter wurde damals ermittelt.
Da die Haltung von Kleinvieh wie Hühner, Kaninchen oder gar Schweinen, wie auch der Anbau von Obst und Gemüse hauptsächlich zur Selbstversorgung notwendig geworden war, lockte auch der Hinzuverdienst durch Verkauf aus eigener Haltung oder Anbau. Zwischen Anfang und Mitte der 1950er Jahre wurde durch die staatlichen Organe der DDR der Ankauf von Geflügel, Obst, Gemüse oder Eiern aus Privathaltung zur Versorgungsunterstützung der Bevölkerung ins Leben gerufen. Für ein Ei beispielsweise erhielt man 40 Pfennige. Der Ankauf erfolgte direkt in der jeweiligen Lebensmittelverkaufsstelle. Für ein Kaninchenfell herhielt man mehrere Mark. Selbst für Katzenfelle fanden bis in die 1970er Jahre hinein Aufkäufe statt. So manch eine Katze in Waldesruh wurde über die Jahre von seinen Eigentümern vermisst und war nie wieder aufgetaucht.
Ebenfalls angekauft wurden Spinn- und Webstoffe, Altpapier, Pappen, Flaschen und Gläser sowie Alt- und Buntmetall. Zwar nur gegen eine kleine finanzielle Ausbeute, aber immerhin doch etwas lohnenswert für ein finanzielles Zubrot oder der Taschengeldaufbesserung sammelnder Kinder. Die Aufkaufstelle dieser Wertstoffe befand sich in der Schrobsdorffstraße in Mahlsdorf-Süd.
In den Morgenstunden des 18. Februar 1954 erfuhren die Waldesruher einen drastischen Einschnitt in ihrem gewohnten Alltagsleben. Lastkraftwagen, beladen mit Stacheldraht und Holzpfeilern standen an der Berliner Stadtgrenze. Waldesruh wurde über die gesamte Siedlungsgrenze zu Berlin mit einem unüberwindlichen Stacheldrahtverhau abgegrenzt und von Truppen der Deutschen Grenzpolizei (DGP) gegen illegale Übertritte Tag und Nacht streng bewacht. Fortan war Berlin für die Waldesruher auf direktem Weg unerreichbar. Offiziell ging es nur nach und von Berlin ab dem 1. Oktober 1956 über die Schlagbaumkontrollen am nördlichen Ortseingang Heidemühler Weg (Höhe Müllkute, heutige Laubenkolonie) am südlichen Ende Waldesruhs unweit des Sportplatzes und gegenüber von Heidemühle an der Friedrichshagener Chaussee. Begründet wurde dieser Vorgang mit dem Schutz vor den imperialistischen Klassenfeinden und westlichen Agenten. Es herrschte „Kalter Krieg“ mit mächtiger Propagandatrommelei auf beiden Seiten und gleichermaßen irrsinnigen Aktivitäten zum Leidwesen der Bevölkerung.
Monate später wurde zwischen der Akazienallee auf Berliner Seite und der Heinrich-Heine-Promenade auf der Waldesruher ein Fußgängerübergang geschaffen. Grundsätzlich erfolgte durch die Grenzpolizei beim Passieren der Schlagbaumabsperrungen wie auch dem Fußgängerübergang Akazienallee eine Ausweiskontrolle. Fußläufig mussten sich die Waldesruher bis zur Akazienallee an der Ecke Summter Straße bewegen, weil hier für die Buslinie A8 Endstation war. Die Waldesruher waren praktisch abgeschnitten von Berlin. Das betraf die Versorgung mit Lebensmitteln, Wirtschaftsgütern oder auch die Freizeitgestaltung zum Kinobesuch oder einer Tanzveranstaltung im nahen Mahlsdorf oder Köpenick beispielsweise.
Das Ergebnis dieses Vorgangs war alsbald zu spüren. Waldesruher Geschäftsinhaber gaben auf und auch Firmeninhaber stellten ihr Gewerbe ein. Mit ein paar Siedlern war kaum Umsatz zu machen. Der Fortschritt von einst, wie in den 1930er Jahren oder nach dem Krieg ließ merklich nach, bis er fast ganz zum Erliegen kam. Die Waldesruher lebten praktisch aus der Substanz heraus. Ungeheuer schwierig war durch diese Stacheldrahtgrenze die Versorgung mit allem geworden. Einige Siedler gaben ihr Grundstück und sogar ihr Eigenheim auf und verließen bei Nacht und Nebel die damals so benannte "Ostzone" in Richtung Westen für immer. Alle diese verlassenen Objekte wurden danach treuhänderisch verwaltet und mit Neusiedlern belegt. Der Überlieferung nach soll es sich bei den Neusiedlern meist um Funktionäre und linientreue Systemsympathisanten gehandelt haben.
Zwischenzeitlich war irgendwann der Stacheldrahtverhau wieder entfernt worden. Die Kontrollen an diesen Sektorenpunkten mit eigens dafür errichteten Wärterhäuschen rings um Waldesruh blieben jedoch bis um 1970 herum bestehen. Zuerst zog man die Posten ab, dann verschwanden die Schlagbäume und sehr viel später erst die Wärterhäuschen.
Nun gab es in Waldesruh allerdings kein Kino. Für ein Filmerlebnis dieser Art musste nach Mahlsdorf, Friedrichshagen oder Köpenick angereist werden. Wie in anderen ländlichen Regionen in der sowjetischen Besatzungszone auch, führte man den „Landfilm“ ein, der besonders in den 1950er bis in die 1960er Jahre hinein Hochkonjunktur hatte. Mit mobiler Filmvorführtechnik ausgerüstet, kam auch nach Waldesruh ein schwer beladenes Motorrad mit Seitenwagen vor die Lindenschänke gefahren. Im dortigen Saal aufgebaut, begannen für Jung und Alt Filme über die Leinwand zu laufen, ohne nach auswärts fahren zu müssen. Gezeigt wurden Streifen wie „Die Rohrdommel“ (1952) oder „Der Moorhund“ (1960). Natürlich war sämtlich gezeigtes Filmmaterial zensiert und mit entsprechender, zeitgemäßer Propaganda durchsetzt.
1958 erhielt die Scharnweberstraße über die gesamte Länge ihren Bürgersteig. Die Oberfläche wurde mit verdichteter Feinschlacke versehen und die Begrenzung straßenseitig mit Bordsteinen eingefasst. Wie die meisten Straßen in Waldesruh blieb die Fahrbahn der Scharnweberstraße bis weit nach 1990 eine Sandpiste. Bis heute verfügen einige Straßen immer noch nicht über einen Bürgersteig oder eine Oberflächenbefestigung der Fahrbahn. Es staubt eben immer noch bei Trockenheit und nach kräftigem Regen durchfährt man eine Seenlandschaft.
Auch der Sportplatz, geführt und hauptsächlich genutzt durch den Fußballverein „Blau-Weiß Mahlsdorf“ wurde im Jahr 1958 in freiwilligen Aufbaustunden erweitert und neu angelegt.
Ab Januar 1959 verkehrte die Buslinie A8 weiter über die Schopenhauer Straße, die Köpenicker Allee bis zur Lindenschänke, der Wendeschleife und neuen Endhaltestelle für den Linienbus. Aus der Fichtestraße wurde eine Einbahnstraße in Richtung Karl-Marx-Straße. Der Richtung Lindenschänke fahrende Bus befuhr die Karl-Marx-Straße, um dann in die Schopenhauer Straße in Richtung Köpenicker Allee abzubiegen. Für die Gegenlinie Richtung Berlin ging es dann über die Fichtestraße zur Karl-Marx-Straße und dann abbiegend auf die Akazienallee.
Ein Merkmal Waldesruhs war, dass mehrmals im Jahr der Lumpensammler mit seinem Kleintransporter vom Typ Framo 901/2 verschiedene Stellen des Ortes anfuhr. Mit seiner großen Handglocke machte er klingelnd auf sich aufmerksam und rief dabei laut: „Lumpen, Flaschen, Gläser, Felle“. Er nahm auch Altpapier entgegen. Alles wurde ordnungsgemäß gezählt, gewogen und bezahlt. Auch mit seinem Framo Pritschenwagen kam regelmäßig der Kartoffelbauer nach Waldesruh und brachte gleich zenterweise seine Erdäpfel zur Einkellerung an den Mann. Nicht nur für Waldesruh typisch war viele Jahre lang der Besuch von Hausierern, die Waren und Dienstleistungen an der Garten- oder Haustür feilboten. So kam auch hin und wieder der Scherenschleifer, der alles schärfte, was zu schärfen war. Die Verrichtung seiner Arbeit war besonders für anwesende Kinder interessant, weil dabei Funken sprühten.
Nicht weniger spannend war, wenn in regelmäßigen Abständen das Müllauto vom Typ Škoda 706 RTK die Aschetonnen leerte. Das ging damals schon vollautomatisch und die Männer rollten die verzinkten Rundkübel mit nur einer Hand gekonnt hin und her. Meist war nur Asche abzufahren, denn fast alles verbrannte man noch im heimischen Ofen. Verpackungsmaterial aus Plaste und vor allem in den Mengen wie heutzutage gab es nicht.
„Schwester Walli“ war in den 1950er und 1960er Jahren die diensthabende Gemeindeschwester im Ort und examinierte Krankenschwester. Sie führte Hausbesuche durch und kümmerte sich um Kranke und Alte. Gekleidet war sie in Rot-Kreuz-Uniform mit Rock, Schürze und in Falten liegender Kopfhaube. Sie wohnte in der Schopenhauer Straße Nr. 28. Der nächste Allgemeinmediziner war in Hoppegarten ansässig. Ein weiterer war Dr. Runge in der Winklerstraße am Hultschiner Damm, der auch Hausbesuche bis nach Waldesruh durchführte.
Über die Jahre wurde Stück für Stück der Erweiterungsausbau der Straßenbeleuchtung vollzogen, so dass zu Beginn der 1970er Jahre so ziemlich alle wichtigen Straßen in Waldesruh elektrisch beleuchtet waren. In Mahlsdorf und vielen anderen Stadtteilen Berlins wurde die Straßenbeleuchtung noch Jahre später mit Gaslaternen betrieben.
Schräg gegenüber der Buswendeschleife, am Heidemühler Weg, befand sich bis zu Beginn der 1970er Jahre ein mit Kiefern und Buschwerk bewachsenes Waldstück. Das Waldstück wurde in dieser Zeit als Bauland ausgewiesen. Nach den Fällarbeiten entstand hier ein neues kleines Siedlungsviertel mit 13 Einfamilienhäusern und bildet bis heute die nördliche Grenze Waldesruhs in Richtung Hoppegarten. Aber auch ein Waldstück an der Bredowstraße Ecke Kleiststraße fiel zu Beginn der 1970er Jahre in gleicher Weise einer Parzelle für die Laubenbebauung mit Umfriedung zum Opfer. So verschwanden hier und da schon zu Zeiten der DDR kleine Waldstücke und damit ein Teil Waldesruher Ursprungs.
Unterhalb der Trainierbahn (heute An der Trainierbahn), in der Senke zwischen Heidemühle und Waldesruh, befand sich noch in den 1970er Jahren ein gut zugänglicher kleiner See. Die Rohrkolbengewächse am See waren eine nette Dekoration zu Hause. Der See war nicht nur in der warmen Jahreszeit ein Biotop für lauthals quakende Frösche, sondern im Winter, wenn die Wasseroberfläche gefroren war, eine ideale Fläche zum Schlittschuhlaufen und schlittern. Bei Schnee ging es mit dem Schlitten gleich bei der Trainierbahn zum Rodeln hangabwärts in die Heidemühler Senke des Erpetals.
Am Montag, den 12. November 1973 fegte über Waldesruh ein heftiger Orkan, wie über ganz Deutschland, West- und Nordwesteuropa. Angefangen von zerstörten Hausdächern, waren erhebliche Schäden aller Art im gesamten Ort zu beklagen. Das heftige Unwetter entwurzelte einige Pappeln auf der Köpenicker Alle und allerorts viele Kiefern, die zudem weitere Schäden an Stromleitungen, Zäunen und Gebäuden verursachten.
Es ist heute schwer vorstellbar, dass die Waldesruher Kinder, von denen es viele aller Altersgruppen gab, Buden oder Höhlen im Wald bauen konnten, auf Bäume geklettert sind, in der Erpe Kaulquappen gefangen haben oder sogar darin baden waren. Ganz zu schweigen von Luftgewehrschießen oder Lagerfeuer machen. Genauso schwer vorstellbar ist, dass die Kinder überall sicher kreuz und quer Fahrrad fahren konnten. Selbst die Köpenicker Allee konnte man überqueren, ohne groß nach rechts oder links blicken zu müssen, weil der Fahrzeugverkehr noch bis in die 1980er Jahre hinein in Waldesruh eher unbedeutend war.
Nur die alten Waldesruher werden sich erinnern, dass die Trainierbahn von der asphaltierten Heidemühler Straße bis zur Abbiegung Richtung Waldpromenade/Heidemühle lediglich wiesenbedeckt, durch einen mittigen Pfad begehbar war, der hin und wieder von Spaziergängern genutzt wurde. Die Grundstücke der Anrainer zeigten sich sämtlich unbebaut, wurden für Obst- und Gemüseanbau bzw. zur Erholung genutzt. Aus diesen Gärten sind nach 1990 stattliche Wohnhausgrundstücke geworden und aus dem einstigen Pfad eine Straße, zwar unbefestigt, jedoch problemlos mit Schwerlastfahrzeugen zu befahren. Von der Waldpromenade aus in Richtung Sportplatz gilt dasselbe, wenngleich dieser Teil der Trainierbahn schon zu DDR-Zeiten von der Mitte aus bis zur Heinrich-Heine-Promenade mit Betonplatten als einspurige Kraftfahrstraße angelegt war. Die andere Hälfte blieb unbefestigt und wirbelte in den Sommermonaten zum Ärger der Laubenpieper wegen vorbeifahrender Fahrzeuge ordentlich Staub auf.
Auch schon damals in der DDR versorgte man sich mit dem nötigen Brennmaterial wie Briketts oder Koks bereits lange vor dem Winter. Viele Jahre nach dem Krieg wurde Brennmaterial noch über Kohlekarten pro Haushalt limitiert. Später dann waren Briketts frei verkäuflich geworden. Jedoch schwand die Qualität des Heizstoffes und der Service des Kohlelieferanten über die Jahre merklich. Der Brennwert der Briketts lies nach und oft genug wurde ein erheblicher Anteil Kohlendreck geliefert. Anfangs schaffte der Kohleträger die Briketts noch in den Keller, um sie dort aufzuschichten, so wurden sie später nur noch vor das Kellerfenster geschüttet und wiederum später nur noch vor das Grundstück auf die Straße gekippt. Ganz schwierig und nur mit Beziehungen zu erhalten waren selten einmal Koks und der Lottogewinn schlechthin auch ein paar Brocken Steinkohle für die Schwerkraftheizungsanlagen einiger Häuser. Koks hatte einen mehrfach höheren Brennwert als Briketts, bildete dafür aber eine Menge schwer zu entfernende Schlacke auf dem Rost.
Waldesruh war zu DDR-Zeiten, was die Infrastruktur und die umfassende Versorgung seiner Bewohner betrafen, weitaus weniger isoliert und deutlich bessergestellt, als es heute der Fall ist. Wenngleich auch schon aus den verschiedensten, bereits genannten Gründen, seit den 1950er Jahren Geschäfte schlossen und Handwerksbetriebe ihr Gewerbe aufgaben. Sicher besitzen heutzutage viele Waldesruher ein Fahrzeug, um ihre Dinge fernab erledigen zu können. Für kranke oder gebrechliche Menschen ohne diese Möglichkeit ist das Leben in Waldesruh eine ungleich schwierigere Herausforderung geworden.
Noch vorhanden waren in den 1960er bis einschließlich 1980er Jahren ein Lebensmittelgeschäft der Konsumgenossenschaft (kurz Konsum) auf der Köpenicker Allee Nr. 82, Ecke Kleiststraße. Herr Knappe löste in den 1970er Jahren Frau Grünhoff als neuer Verkaufsstellenleiter ab. Das Geschäft wurde einige Jahre nach dem Konsum in der Kantstraße eröffnet. Dieser befand sich im Haus der Nr. 64 und öffnete bereits 1946. Ebenfalls in der Kantstraße, im damaligen und heute nicht mehr existierenden Gebäude Haus Nr. 44 gab es den Kurzwarenladen von Herrn Wiegand mit angeschlossener Poststelle. Vom Knopf, dem Stopfgarn, über den Reißverschluss bis hin zur Nähseide konnte man allerhand für die häusliche Handarbeit erwerben. Sämtliche Postdienstleistungen nebst Lotto spielen erledigte man ebenfalls bei Herrn Wiegand. Man betrat den Laden und rechts befand sich der Ladentisch der Kurzwaren. Links am Ladentisch vorbei ging man geradeaus in den dahinter liegenden Raum, dem Bereich der Poststelle.
Der Unterschied zum System zu heute war der, dass man Postkunden auch im abgelegenen oder ländlichen Raum die Möglichkeit gab, wohnortnah seine Postgeschäfte abzuwickeln. Heute empfängt man fast ausschließlich Postdienstleistungen beim Schuster, beim Bäcker, im Zeitungsladen und anderen Kleingewerbetreibenden. Die Gründe hierfür sind Serviceabbau zur Kostenreduzierung und damit Gewinnmehrung, indem Hauptpostämter geschlossen werden. An mehreren Stellen der Siedlung waren Briefkästen der Deutschen Post montiert. Eine öffentliche Telefonzelle stand eingerückt auf dem Grundstück Wiegands Kurzwarenladen mit Poststelle und die zweite an der Endhaltestelle der Buswendeschleife neben der Lindenschänke.
Entlang der Schopenhauer Straße befand sich die Bäckerei & Konditorei der Familie Günther in der Nr. 18. Der Bäcker öffnete samstags um 6.00 Uhr. Seine schmackhaften Schrippen trieben die ersten Kunden schon gegen halb sechs dorthin, um zu 5 Pfennige das Stück als erste genügend zu ergattern. Nicht selten nahm ein Kunde gleich mal 30-40 Stück in seinen Einkaufsnetzen mit.
Noch ehe die Familie Günther, die aus der Lausitz nach Waldesruh kamen, ihr Bäckergeschäft betrieben, befand sich auf der Köpenicker Allee Nr. 52 die Bäckerei der Eheleute Dressel. Wohl aus Altersgründen gaben sie ihr Geschäft noch vor 1970 auf.
Neben der Bäckerei Günther Richtung Köpenicker Allee, in der Nr. 20, befand sich eine Drogerie. Zwischen den beiden Schaufenstern führte eine vierstufige Treppe zum Ladengeschäft. Von der Kernseife über die Wurzelbürste bis hin zum Waschmittel gab es alles, was eine Drogerie ihres üblichen Sortiments führte. Im Sommer schützte man die Ladenauslage durch gelbe, transparente Folien vor der Sonneneinstrahlung.
Fleisch- und Wurstwaren kaufte man im Fleischerfachgeschäft bei Frau Unger in der Schopenhauer Straße Nr. 17.
Sich eine neue Frisur zuzulegen, das ging im Frisiersalon Eisert auf der Köpenicker Allee Nr. 35.
In der Karl-Marx-Straße Ecke Heinrich-Heine-Promenade Haus Nr. 3 war die Zweigstelle der Staatlichen Versicherung der DDR ansässig. Ein kriegsversehrter, einarmiger Herr wickelte sämtliche versicherungstechnische Angelegenheiten in Waldesruh ab. Sein Dienstfahrzeug war ein Fahrrad.
Die „Waldschänke“, von Beginn an eher ein Sommerausflugslokal, weil in den Wintermonaten meist geschlossen, war die erste Gastwirtschaft nach der Siedlungsgründung und wechselte über die Jahrzehnte mehrfach den Besitzer. Bewirtschaftet wurde sie von den Eheleuten Krüger. Die heute nicht mehr existente „Waldschänke“ befand sich am südlichen Ende Waldesruhs, an der Heinrich-Heine-Promenade, Ecke Köpenicker Allee. Die in den 1930er Jahren angelegte Promenade nannte sich Treskow-Promenade, ehe sie nach Gründung der DDR umbenannt wurde. Zu DDR-Zeiten war der etwa 35 Meter breite Grünstreifen sich eher selbst überlassen. Er zog sich von der Trainierbahn bis hinüber zur Karl-Marx-Straße. Durchqueren konnten ihn auf Wegen lediglich Fußgänger und Radfahrer. Im Jahr 1981 begannen die Straßenbauarbeiten durch die Promenade für eine asphaltierte Kraftfahrstraße. Im Dezember 1982 dann waren die Arbeiten abgeschlossen. Von da an führte beispielsweise die Buslinie 8 nicht mehr über die Karl-Marx-Straße zur Schopenhauer hin, sondern von der Akazienallee weiterführend bis zur Köpenicker Allee.
Die heute gleichfalls nicht mehr existierende „Lindenschänke“, als zweite und später errichtete Gaststätte in Waldesruh, befand sich im nördlichen Teil der Siedlung an der Köpenicker Allee neben der Buswendeschleife. Sie war mit Biergarten ganzjährig geöffnet. Hier konnten auch Familien- und Betriebsfeiern durchgeführt werden.
Für besondere oder größere Besorgungen waren das privat geführte Lebensmittelgeschäft Sanitz in der Akazienallee nicht weit entfernt, wie auch der privat geführte Fischladen mit außerordentlich großem Fischangebot am Hultschiner Damm neben dem heutigen Netto-Einkaufsmarkt, die dortige HO-Kaufhalle, Bäcker, Fleischer, Apotheke, Konsum, Spielwarenladen, Eisenwaren- Heimwerkerhandel und andere Geschäfte. Der Bus Linie 8 der Berliner Verkehrsbetriebe (BVB) fuhr werktags von 5.00 Uhr bis 18.00 Uhr im 20-Minutentakt vom U-Bhf. Friedrichsfelde (ab 1976 vom Bahnhof Lichtenberg) bis zur Endhaltestelle nach Waldesruh und zurück. Der Fahrpreis betrug damals 20 Pfennige.
Ein weiteres charakteristisches Merkmal von Waldesruh war, sofern man das so nennen kann, die andauernd über den Ort hinwegfliegenden Flugzeuge. Es handelte sich nur selten um die Maschinen der 1958 gegründeten staatlichen Fluggesellschaft der DDR „INTERFLUG“. Die alliierten Siegermächte des Zweiten Weltkrieges hatten Berlin in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Die Sowjetzone umfasste Ostberlin als Ganzes. Westberlin dagegen bestand aus drei Besatzungszonen. Die französische Zone im Norden, die britische in der Mitte und die amerikanische Zone im Süden. Um ganz Berlin herum wurde die im Durchmesser 64 Kilometer umfassende Berliner Kontrollzone eingerichtet. Dies war der Luftraum über der Stadt. Von dieser aus nach Westen führten die drei Luftkorridore hinüber in die Bundesrepublik Deutschland. Diese Verfahrensordnung diente dem ungehinderten Luftverkehr für die drei Westalliierten von und nach Westberlin. Über Waldesruh befand sich diese Kontrollzone und so sah man regelmäßig oft alliierte Flugzeuge in geringer Höhe über Waldesruh hinwegfliegen. Lange Zeit waren es nur Militärflugzeuge der U.S. Air Force und seltener Verkehrsflugzeuge. Erst ab 1951 war von den Amerikanern ein Teil des Tempelhofer Flughafens für die zivile Nutzung freigegeben worden. Fortan flogen nun die amerikanische Pan American, die britische British European Airways (BEA) bis 1974, danach British Airways und die französische Air France nach Tempelhof im amerikanischen Sektor. Dies alles konnten Interessierte vom Boden aus durch die vielen Kiefern hindurch beobachten und vielleicht bekam der eine oder andere unerfülltes Fernweh dabei.
Waldesruh war ständig besetzt mit einem so genannten Abschnittsbevollmächtigten (ABV), der als Uniformierter der Deutschen Volkspolizei (DVP) Hoheitsrechte ausübte und unmittelbarer Ansprechpartner für die Belange der Waldesruher war. Sein Dienstfahrzeug war eine Simson Schwalbe. Dieser Amtsträger war der Alexander Klein, der mit Ehefrau und 12 (!) seiner Kinder im Haus der Scharnweberstraße Nr. 31 lebte. In diesem relativ kleinen Gebäude befand sich auch sein Dienstzimmer. „Alex“, wie er von den Einheimischen genannt wurde, hatte ein markantes Merkmal: Eines seiner Augen zuckte permanent. Ordnungshüter Alex Klein war aber nicht allein auf weiter Flur zur Durchsetzung von Recht und Gesetz unterwegs. Der auf der Köpenicker Allee Nr. 36 wohnhafte Herr Zimmer war seines Zeichens freiwilliger Hilfspolizist der Deutschen Volkspolizei. Ausgestattet mit einer roten Armbinde, die ihn als solchen auswies, einem beleuchteten Verkehrsstab und einer Trillerpfeife nahm er Kraft seines freiwilligen Amtes jedes vermeintliche Fehlverhalten der Bewohner zum Anlass zu maßregeln. In dieser Aufmachung stürmte er unter anderem mehrfach von seinem Grundstück auf die Straße, um eine kleine Gruppe dort ansässiger Kinder zur Ordnung zu rufen. Der Nachfolger des Alex Klein war ein Herr Pröhl, der Wert darauf legte mit Genosse Pröhl oder Wachtmeister Pröhl angesprochen zu werden. Die Funktion des ABV hatte er bis zum Ende der DDR inne. Sein Dienstfahrzeug war sein privater PKW Trabant 601.
Von der Scharnweberstraße aus über die Waldpromenade hinüber ins Erpetal kommend befand sich linksseitig neben dem südlichen Ende Heidemühles in einem Waldstück in den 1970er Jahren eine gesicherte und nicht frei zugängliche Nerzfarm. Der Nerzfellhandel war damals eine lohnenswerte Einnahme. Gehalten wurden die Tiere in Gitterkäfigen, die nach Aufgabe der Farm ungezählt im Gelände verstreut herumlagen.
Obwohl das an Berlin-Mahlsdorf angrenzende Waldesruh seit Siedlungsgründung nie zu Berlin gehört hat, hat es schon in der DDR von der Deutschen Post die Ortsnetzkennzahl 002 für Berlin als Fernrufvorwahl zugeteilt bekommen, wie heute es die 030 ist.
Seit seinem Bestehen erhielt die Siedlung sechs Zuordnungen von Postleitzahlen:
ab 1941 zum PLZ-Gebiet 2 gehörend,
nach Gründung der DDR 1949 die PLZ 115 wie für Berlin-Mahlsdorf,
ab 1965 die PLZ 1155 wie für Berlin-Mahlsdorf,
ab 1979 die PLZ 1147 wie für Berlin-Mahlsdorf,
ab 1993 die PLZ 12625 wie für Berlin-Mahlsdorf und Hellersdorf,
seit 2010 die 15366 für die Gemeinde Hoppegarten.
Erstaunlicherweise blieb Waldesruh in den vielen Jahrzehnten seines Bestehens von umfangreichen Straßenumbenennungen verschont, die überall im Land seit jeher gesellschaftspolitische Veränderungen mit sich brachten. Das ist vermutlich den unverfänglichen Straßennamen zu verdanken, die von Beginn an meist nach Dichtern, Schriftstellern, zweifelsfreien Persönlichkeiten oder Pflanzen benannt wurden.